D E
2020
Interview mit
René Rossi, Empa
10.03.2020
Interview mit René Rossi, Empa

René Rossi arbeitet seit über 25 Jahren als Forscher an der Empa, dem Schweizer Materialforschungsinstitut des ETH-Bereichs. Sein Forschungsschwerpunkt sind intelligente Textilien, insbesondere faserbasierte Sensoren für Körpermonitoring und Hybridfasern zur kontrollierten Substanzabgabe – und seit März 2020 ist er in der wissenschaftlichen Corona-Task-Force des Bundes für Masken tätig. Er ist Mitglied des Kuratoriums von TaDA.

René Rossi, Textilien und ihre Eigenschaften werden mit Covid-19 besonders intensiv diskutiert. Sie haben sich in der Science Task Force «Masken» des Bundes engagiert: Wie können wir uns diese Aufgabe vorstellen?

Der Krisenstab stellt Fragen an die Science Task Force. Zum Beispiel: Wann macht es Sinn, eine Maske zu tragen und wann nicht? Unterdessen haben wir viele Erkenntnisse, welche wir vor drei Monaten noch nicht hatten. Wie diese in den Entscheidungsprozess einfliessen, ist für mich sehr spannend – auch, dass alles sehr schnell gehen muss. Von aussen gesehen ist es nicht immer verständlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich weiterentwickeln und wir ständig neue Erfahrungen integrieren und deswegen auch Strategien und Projekte verändern müssen. Als WissenschaftlerInnen sind wir uns gewohnt, Themen immer wieder kontrovers zu diskutieren und auszuloten. Die Politik und auch Journalist*innen möchten natürlich klare Aussagen – und oft gibt es diese nicht. Wenn wir aus unserer Perspektive antworten, „Masken sind in gewissen Fällen nützlich und sinnvoll und in anderen nicht“, ist es für die Gesellschaft, für die Politik, für die Medien nicht einfach, mit dieser Differenzierung umzugehen.

Was waren die wichtigsten neuen Erkenntnisse in Bezug auf Masken und was ist das Spezielle an den von der Empa geprüften Masken

In der Bevölkerung werden häufig Masken getragen, die keiner Norm entsprechen und auch in ihrer Schutzwirkung nicht definiert sind. Und hier hat die Empa nun getestet. In der Science Task Force haben wir eine Empfehlung für eine Minimalqualität dieser textilen Masken (so genannte "Community Masken") publiziert. Eine Maske erfüllt zwei Funktionen: Sie kann entweder die TrägerIinnen vor der Umwelt schützen, oder die Umwelt vor den TrägerIinnen. Wenn eine kranke Person eine „Community Maske“ trägt, wird die Verbreitung des Virus stark eingeschränkt. Zudem hat eine gesunde Person mit einer solchen Maske auch eine gute Filtrationseffizienz, was die Ansteckungsgefahr reduziert. Aber ein Restrisiko bleibt.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die dringendsten Forschungsthemen im Bereich Textilien?

Auch in der Auseinandersetzung mit dem Thema Masken haben wir festgestellt, dass viele Leute heute auf Abfall empfindlich reagieren. Es gibt Widerstand, eine Maske einmal zu benutzen und sie dann fortzuwerfen. Auch Ärzte wollen wissen, warum nur Einwegmasken auf dem Markt sind, während Chirurgenkittel gewaschen werden können. Unterdessen ist die Auseinandersetzung mit Masken zu einem Grossprojekt geworden, an dem sich über 40 Firmen, darunter viele aus der Textilbranche, beteiligen.

Wenn ein Hightech-Produkt entwickelt wird, welches 50 bis 100 Mal gewaschen werden kann, ist es auch klar, dass dieses nicht mehr nur 50 Rappen, sondern 20 Franken pro Stück kostet. Der ökologische Gedanke dahinter scheint im Moment stark genug zu sein, um die Leute zu überzeugen, und er wird zu einem Innovationsschub führen.

Wir haben in den vergangenen Monaten mit der Coronakrise auch erlebt, wie der regionale Einkauf an Bedeutung gewonnen hat. Beispielsweise hat die Tatsache, dass gewisse Medikamente in Europa plötzlich nicht mehr zur Verfügung standen, sehr verunsichert. Wie nachhaltig dieses Denken sein wird, hängt auch von Politik und Industrie ab. Die Pandemie hat also in gewisser Beziehung zu einem «regionalen» Denken geführt. Aus der Sicht der Wissenschaft erwarte ich, dass es eine veränderte Pandemiestrategie geben wird, welche auch sicherstellt, dass bestimmte Ressourcen in Europa zur Verfügung stehen. Gleichzeitig ist eine Produktion jedoch nur möglich, wenn sie konkurrenzfähig ist.

Welche Gegebenheiten bestimmen denn die Konkurrenzfähigkeit in der heutigen Situation – gerade wenn Sie diese aktuellen Tendenzen einbeziehen?

Zurzeit finden auch unabhängig von der Coronakrise grosse Veränderungen statt. So will China im Bereich von Hightech-Textilien Marktleader werden und investiert enorme Summen. Das kann auch heissen, dass mittelfristig plötzlich kein Land mehr billig produzieren kann und will, weil die wirtschaftlichen Schwerpunkte in verschiedenen Regionen nun anders gelegt werden. Das sehe ich im Bereich Hightech gerade im asiatischen Raum schon heute sehr deutlich. Wir können dies auch in der Automobilindustrie beobachten: Zurzeit ist Tesla ganz vorne – und nun entstehen neue Allianzen. Traditionelle Industrien gehen zurück und neue Industrien entfalten sich.

Nachhaltigkeit und intelligente Textilien werden sich unter der Voraussetzung entwickeln, dass eine Gesellschaft es sich leisten kann, einen Beitrag für Nachhaltigkeit und Ökologie zu leisten. Wenn durch die Krise eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst wird, könnte der Prozess sich aber stark verzögern. Doch ich höre von vielen, dass sie, wenn sie schon eine Maske tragen müssen, lieber ein qualitativ hochstehendes Erzeugnis wählen würden, welches über längere Zeit gebraucht werden kann – und in der Schweiz produziert wird. Im Moment kommen somit ganz unterschiedliche Bewegungen zusammen: die SchülerInnenproteste in Bezug auf die Klimaveränderungen, die Pandemie, eine Wertschätzung für das Lokale und eine inhaltliche Verlagerung in den bisherigen Billiglohnländern… das hat das Potential für eine Umwälzung.

Sie haben vorhin von einem langfristig angelegten Projekt für die Entwicklung und Produktion von Masken gesprochen: Ist dies denn zu diesem Zeitpunkt noch sinnvoll?

Ich verstehe diese Frage gut, auch in meinem Umfeld sagen viele, dass das Thema Masken nun abgeschlossen sei. Doch schon die Tatsache, dass das Innovationsprojekt, welches wir Anfang Juni starteten, 41 Firmen motiviert hat, hier einen Beitrag zu leisten – sei es mit Stoffen oder der Entwicklung von Maschinen –, ist ein Zeichen dafür, dass Zukunft drinsteckt. In Europa und besonders in der Schweiz haben wir nicht so richtig mitgekriegt, dass in den letzten 20 Jahren vier Pandemien stattgefunden haben. Wir hatten seit der Spanischen Grippe Ruhe. Während der SARS-Pandemie 2002/2003 habe ich beispielsweise keine KollegInnen aus Asien mehr an den internationalen Konferenzen getroffen – das hat mich sehr beschäftigt. Und nun war ich auch selbst betroffen. Es ist zu vermuten, dass weitere Pandemien kommen werden. Und ich denke, dass Masken bei der Eindämmung der Verbreitung von Krankheiten eine Rolle spielen werden, denn durch die Globalisierung wird alles global verteilt. Das Thema wird uns mit Sicherheit weiter beschäftigen.

... Aber viele tragen ja auch jetzt keine Masken, obschon klar ist, dass man andere damit etwas schützen kann …

Dies führt uns direkt zu TaDA. Ein wichtiger Aspekt beim Maskentragen ist deren ästhetische Qualität. Ich vergleiche dies mit der Entwicklung des Skihelms. Dieser wurde nicht plötzlich aus reiner Vernunft populär, sondern weil eine vorerst kleine eingeschworene Gemeinschaft – die SnowboarderInnen – begann, Helme zu tragen. Und dann gab es einen Hype im Design von Helmen. Die ganze Skiausrüstung und -Bekleidung ist heute stark vom Design und von Marken geprägt, und alles ist teuer – da kommt folglich auch nur ein schicker Helm in Frage. Das Design spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung. Denn es gibt ja kein Helm-Obligatorium, obwohl der Sport durch die perfekt präparierten Pisten und hochentwickelten Skis immer risikoreicher geworden ist. Ich kann dies auch mit einem Beispiel aus meinem Fachgebiet bestätigen: Es gibt sehr nützliche Strümpfe für DiabetikerInnen – aber sie sind leider hässlich, und so werden sie nur selten getragen. Eine Person mit gesundheitlichen Beschwerden will diese nicht noch durch medizinisch wirkende Kleidung betonen. Es gäbe beispielsweise Textilien, die das Herz überwachen und so das gesundheitliche Risiko im Bereich Herzkrankheiten stark mindern würden – aber diese Kleider sehen leider wie Kleider für kranke Menschen aus.

Sie sagen, dass viele Smart Textiles die Ästhetik vernachlässigen. Wie könnte denn eine Zusammenarbeit mit Designer*innen aussehen?

Die grösste Herausforderung ist der unterschiedliche Zeithorizont. In der Wissenschaft und gerade bei medizinischen Produkten liegt dieser zwischen fünf und 20 Jahren. Designer*innen haben oft viel kürzere zeitliche Perspektiven. Mode etwa verändert sich ständig. Das heisst, wir müssen Kontexte schaffen, in denen es auch für Designschaffende möglich ist, vom Anfang bis zum Ende bei einem wissenschaftlich geprägten Projekt mitzuarbeiten und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Wir haben einige wenige Gebiete, wo sich dies langsam in diese Richtung entwickelt, beispielsweise bei Exoskeletons für Paraplegiker. Das Skelett ausserhalb des Körpers ermöglicht einige Schritte. Sobald dieses in der Öffentlichkeit zum Einsatz kommt soll, ist Design extrem wichtig. In Zukunft wird es vielleicht zu einer Fusion von verschiedenen Berufen kommen (Design und Textiltechnologie), wie es etwa mit Studiengängen, die Mechanik und Elektronik zu „Mechatronik“ verbinden, passiert ist. Es bietet sich auch wirtschaftlich an: Viele gute technologische Erzeugnisse lassen sich nicht verkaufen. Wenn Design von Anfang dabei ist, wird sich das ändern.

Was ist Ihr persönliches Interesse an Textilien und Textildesign?

Als ich bei der Empa angefangen habe, war mein erstes Projekt ein Textilprojekt. Im Laufe der Zeit habe ich immer wieder gehört, dass Textilforschung nun nicht mehr notwendig sei. Doch ich habe in Textilien immer Eigenschaften gesehen, die einzigartig sind und die keine andere Technologie mit sich bringt: Es ist ein leichtes Material, welches mechanisch robust ist. Auch wenn man versucht, das Textile zu ersetzen, gelingt dies selten – eine Folie etwa bleibt eine Folie, sie zerknittert, verliert ihre Form, sie bricht. Weben und Stricken sind zwar alte Technologien, aber sind unglaublich ausgeklügelt: In ihrer Grundstruktur des Verbindens von verschiedenen Materialien sind sie eigentlich perfekt. Gerade in Körpernähe will man Elastizität, Weichheit, Leichtigkeit und Formstabilität – man will sich über Stunden gut fühlen und gut aussehen. Diese Anforderungen können nur Textilien erfüllen. Aber dennoch,,heute ist ein T-Shirt nicht ein T-Shirt: Man kann Holz, Metall oder Keramik einbauen. Es gibt endlose Möglichkeiten, die Funktionen und Qualitäten zu verändern. Zudem sind Textilien auch in gänzlich anderen Gebieten nützlich. Wenn beispielsweise die Elektromobilität sich entwickeln soll, braucht es leichte Autos, leichte Flugzeuge. Wenn wir Leichtbaustrukturen verwenden oder neue Designformen etwa von Dächern umsetzen, kommen Textilien zum Zug. Deshalb hat meine Faszination für Textilien eigentlich immer nur zugenommen.

Was heisst es denn heute, in der Textilbranche zu arbeiten?

Das Textile hatte lange einen schlechten Ruf, weil es ressourcenintensiv und daher umweltbelastend ist. Zudem war es teilweise Lowtech ausgeprägt, deshalb war es plötzlich nicht mehr attraktiv, in einer Textilfirma zu arbeiten. Auch die persönliche berufliche Entwicklung erschien begrenzt, und das Textile wurde nicht mehr als Zukunftsthema wahrgenommen. Dies hatte eine Migration aus Billiglohnländern zur Folge – und so standen fast nur noch unqualifizierte Arbeitskräfte an der Maschine. Dies führte wiederum dazu, dass kaum Innovation entstand.

So wurde man entweder eine exzentrischer Textil-Designerin oder ein Textil-Designer, was durchaus gesellschaftlich akzeptiert war – oder man arbeitete in einem Lowtech-Beruf mit alten Methoden. Um 2000 begannen sich jedoch die Textilfirmen neu zu definieren, beispielsweise als Autozulieferer oder Medizintechnologie-Firma. Auch die Kommunikation wurde angepasst. An den Universitäten verschwanden alle Institute mit dem Wort «Textil». Erst als das MIT und Standford, aber auch die ETH Zürich begannen, Hightech-Fasern zu produzieren und erkannt wurde, dass man elektronische Elemente in die Faser integrieren kann, entstand wieder eine Wertschätzung für das Textile. Durch die neuen Technologien ist sozusagen eine uralte Welt wieder auferstanden. Doch der Erfolg blieb vorerst aus: Die Universitäten beschäftigten sich zwar mit Hightech und erfanden tolle Dinge – sie wussten jedoch nicht, wie sie diese zu Smart Textiles verarbeiten sollten. Erst dann begann nach und nach die Zusammenarbeit von Instituten aus unterschiedlichen Disziplinen. Und es klappte endlich mit der Herstellung von Produkten – auch wenn sie sich, wie schon erwähnt, noch keiner grossen Verbreitung erfreuen.

Interdisziplinarität ist die Voraussetzung für den Erfolg von Smart Textiles. Doch aus meiner Sicht fehlt jetzt noch die Integration von Design.

Was hat Sie und die Empa bewogen, bei TaDA mitzumachen?

Die Empa ist ein staatliches Institut und forscht zum Wohl der Gesellschaft und der Verstärkung der Industrie. Die Akzeptanz von Smart Textiles in der Bevölkerung trägt zum gesundheitlichen Wohl der Gesellschaft bei und unterstützt gleichzeitig die lokale Industrie – in diesem Sinne passen Empa und TaDA gut zusammen. Ich als Forscher muss und will unbedingt mehr Wissen über Design haben. Sonst lassen sich die Innovationen nicht wirklich umsetzen. Deshalb bin ich sehr interessiert am Dialog mit Designer*innen, auch wenn mich manchmal diese Schnelllebigkeit und diese sehr anderen Perspektiven etwas überfordern.

Was wäre für Sie der schönste Erfolg von TaDA

Es wäre super, wenn die Konzepte der Designer*innen von Schweizer Industriepartnern umgesetzt werden könnten. Wenn sie mit funktionellen Textilien «Made in Switzerland» auf Laufstege gelangen, wenn das Hochmodische mit dem Hochtechnologischen zusammenkommt – dann wird es so richtig spannend!

Vielen Dank für das Gespräch!

Marianne Burki

Interview mit
Martha Monstein
10.03.2020
Interview mit Martha Monstein

Martha Monstein, Sie sind Leiterin des Kulturamts Thurgau und vertreten die Trägerschaft von TaDA – Textile and Design Alliance im Kuratorium: Wie und warum ist es zu diesem Projekt gekommen und was waren die wichtigsten Schritte dazu?

Die Textilindustrie und die damit verbundene Geschichte haben die Gesellschaft und die Landschaft in der Ostschweiz über Jahrhunderte geprägt. Die Textilgeschichte der Ostschweiz zeigt die beeindruckende Wandlungsfähigkeit und Innovationskraft dieser Region – in wirtschaftlicher, sozialer wie politischer Hinsicht. In der heutigen Öffentlichkeit und im Alltag der Menschen ist dieses Bewusstsein und das Wissen um die wechselvolle Geschichte nur noch bruchstückhaft vorhanden: Was ein starkes Element der Identitätsbildung sein und zum Selbstbewusstsein der Region beitragen könnte, wird zu wenig wahrgenommen. Die Ämter für Kultur der Kantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau sehen in dieser Vergangenheit ein grosses Potenzial – auch als Quelle der Inspiration – für die Kultur sowie die Kreativwirtschaft. In einem Workshop mit breiter Beteiligung von Akteuren aus Kultur, Textilwirtschaft, Geschichte und Gesellschaft wurde das kulturelle Potential des Themas «Textil» ausgelotet. Danach haben wir einen zweistufigen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Gesucht wurden Ideen für ein breit angelegtes, mehrjähriges Programm, das zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema «Textiles in der Ostschweiz» beiträgt. Das Projekt TaDA – Textile and Design Alliance von Heller Enterprises (HE) wurde ausgewählt und HE wurde anschliessend mit der Erarbeitung einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Diese sollte die mögliche Realisierung ihrer Grundidee und des Konzeptes prüfen und die Grundlage schaffen für eine konkrete Projektierung. Wir haben jedoch daraufhin entschieden, uns ganz auf ein Teilprojekt von TaDA – Textile and Design Alliance zu fokussieren, nämlich auf das Residenz-Programm, welches nun unter Ihrer Leitung zusammen mit Partnerfirmen umgesetzt wird.

Mit Kohle geheizt, erhitzt dieser Ofen die Eisen der Glätterinnen. Fotografie: Jürg Zürcher, St.Gallen

Warum ist TaDA gerade jetzt entstanden – und nicht vor 10 Jahren?

Als wir 2016 begannen, uns näher mit dem Thema auseinanderzusetzen, liess sich ein neues Interesse an der Textilindustrie und diesem kulturellen Erbe beobachten. Unterschiedliche Akteure näherten sich dem vielschichtigen Phänomen. So entstanden künstlerische Produktionen zu diesem Thema in Literatur, Theater und Musik, es erfolgte eine intensivierte wissenschaftliche Aufarbeitung. Das Textilmuseum oder das Saurer Museum in Arbon, sowie kulturtouristische Attraktionen von Textilland Ostschweiz fanden und finden ein interessiertes Publikum. Auch die ganz wenigen Stickerinnen und Sticker geniessen wieder vermehrte Aufmerksamkeit, ebenso der kreative Nachwuchs in den spezialisierten Firmen. Und die Gemeinschaftsausstellung «iigfädlet – Ostschweizer Textilgeschichten» von 2017, an der sich acht Museen in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen beteiligten, hat eine zahlreiches Publikum angesprochen und gezeigt, dass das Interesse am Textilen vorhanden ist. Die Zeit schien uns reif, und wir haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Es ist nicht alltäglich, dass drei Kantone gemeinsam ein Projekt konzipieren und umsetzen. Wie kam es zu dieser engen Zusammenarbeit?

Die drei Ämter für Kultur haben beim Projekt «kklick - Kulturvermittlung Ostschweiz» bereits gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit gemacht: Konstruktiv, zielorientiert, unkompliziert und lustvoll. Auch auf der politischen Ebene hatten wir Rückhalt. Alle haben erkannt, dass durch die Kooperation ein viel grösserer Wirkungskreis erreicht werden kann und optimale Synergienutzung möglich ist. Das Thema «Textil» betrifft alle drei Kantone, und aus der positiven Erfahrung der vorherigen Zusammenarbeit haben wir beschlossen, uns gemeinsam dieses Themas anzunehmen. Auch bei TaDA konnten wir wieder auf den politischen Rückhalt zählen, indem die entsprechenden Gremien die Mittel bewilligt haben.

An wen richtet sich TaDA in erster Linie, wer soll in den Genuss der Textile and Design Alliance kommen?

Das Programm TaDA richtet sich an Kreative Persönlichkeiten, an Leute aus der Kulturwirtschaft, an unsere zahlreichen Partner aus der Textilindustrie und dann natürlich auch an eine breite Öffentlichkeit und Fachleute. Während der Residenzen werden publikumswirksame Aktivitäten stattfinden und mit einer «TaDA Spinnerei» wollen wir einerseits Fachpublikum, andererseits aber auch die Bevölkerung ansprechen.

TaDA ist ein Pilotprogramm, das bis im März 2023 läuft. Was sind die Visionen der Trägerschaft diesbezüglich: Was soll bis dahin passieren, damit für euch das Projekt erfolgreich ist?

Wir wissen noch nicht genau, wie weit wir in dieser relativ kurzen Zeit kommen, aber wir werden alles daransetzen, einen Teil unserer Visionen zu erreichen. Das wäre schon toll!

Unsere Visionen sind:

  • Kooperationen zwischen Kultur und Textil trägt Früchte für beide Seiten. Im besten Falle dient TaDA als Nährboden für weitere spannende Initiativen.
  • Das Partner-Netzwerk wächst.
  • Es gelingt uns, positive Impulse für die Identität der Ostschweiz zu geben.
  • Wir schaffen Sichtbarkeit und Bewusstsein für das kulturelle Erbe und die Innovationskraft der Textilindustrie in der Bevölkerung.
  • Das Programm TaDA (mit «TaDA Spinnerei» findet regional, national und international grosse Beachtung und zieht weitere Kreise.

Sie haben das Partner-Netzwerk angesprochen: TaDA arbeitet mit Partnern der Ostschweizer Textilindustrie. Ist das wirklich die Aufgabe der Kulturförderung, diese zu unterstützen?

Wir sind sehr glücklich, dass wir zahlreiche Textilfirmen als Partner für TaDA gewinnen konnten. Aber es fliessen keine finanziellen Mittel in die Partnerfirmen. Im Gegenteil, sie verpflichten sich durch eine Vereinbarung mit uns, personelle Ressourcen und Knowhow für das Programm und die Residents zur Verfügung zu stellen. Davon profitieren die Kulturschaffenden ungemein; die enge Anbindung an die Industrie ist eine Besonderheit dieses Programm und hat mit Sicherheit auch die hohe Anzahl an Bewerbungen ausgelöst.

Genau! Die erste Ausschreibung hat 176 Bewerbungen eingebracht. Haben Sie diese hohe Anzahl erwartet? Sie vertreten die drei Kantone im Kuratorium und sind in der Jury – wie haben Sie diese erste Runde erlebt?

Wir waren alle völlig überrascht, gar überwältigt von der hohen Anzahl Bewerbungen aus der ganzen Welt. Da möchte ich Ihnen als Programmleiterin ein Kränzchen winden, denn dank Ihrer guten Vernetzung wurde die Ausschreibung hier und auf der ganzen Welt wahrgenommen. Die Zusammensetzung der Jury mit Textilfachleuten und Kulturschaffenden erlaubte eine differenzierte Betrachtung der Bewerbungen. Es entstanden anregende, interessante Diskussionen zu den eingereichten Projekten.

Was zeichnet die sechs Residents aus, die 2020 von Arbon aus arbeiten werden? Sind Sie zufrieden mit der Auswahl?

Es sind Kunstschaffende mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und dementsprechend zeichnet auch ihre Textil-Projekte eine grosse Vielfalt aus. Sie sind innovativ, prozessorientiert und suchen interessante Anknüpfungspunkte zum Textilen. Die Altersspannbreite bewegt sich zwischen Jahrgang 1968 bis 1995, und ebenso breit ist der biografische Hintergrund, wobei mehrere Personen in der Schweiz aufgewachsen sind. Ich bin sehr zufrieden mit der Auswahl und denke, dass die interkulturelle Wohngemeinschaft in Arbon, wo jeweils drei Residents für drei Monate zusammenwohnen werden, eine fruchtbare Auseinandersetzung ermöglicht. Wir sind sehr neugierig, wie es funktionieren wird.

Und was wäre Ihr persönlicher und kühnster Wunsch in Bezug auf TaDA?

Ich wünsche mir, dass die Pilotphase mit ähnlichen Überraschungen verbunden ist, wie die Anzahl der Bewerbungen auf die erste Ausschreitung, und der Erfolg und die Verwirklichung unserer Visionen zur logischen Weiterführung von TaDA ab 2023 führt.

Vielen Dank für das Interview!

Marianne Burki

Interview mit
Martin Leuthold
10.03.2020
Interview mit Martin Leuthold

Der Textilgestalter Martin Leuthold engagierte sich von Anfang an für TaDA und ist der Präsident des Kuratoriums. Lange Jahre war er für das Textilunternehmen Jakob Schlaepfer tätig, unter anderem als Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung. Heute arbeitet er in seinem privaten Atelier.

Martin Leuthold, woran arbeiten Sie gerade?

Das Thema «Schal» beschäftigt mich in verschiedenen Variationen im Zusammenhang mit Geschichte und Geschichten. Begonnen hat es mit einer Ausstellung, welche ich letztes Jahr im Schloss Roggwil über die Kunsthandwerkerin Mimi Hauri organisiert habe. Die über 90-Jährige hat Grossartiges auf Gegenstände aus Holz und Glas gemalt. Doch die Kosten der geplanten Ausstellung waren nicht gedeckt. Ich fragte sie, ob ich mit ihren Arbeiten Foulards herstellen könnte. Sie war einverstanden, und wir haben sechs Designs produziert. Es wurde ein Erfolg – und die Ausstellung war finanziert.

Damit entstand eine Nachfrage für diese Art von speziellen Foulards: Die «Nova Fundaziun Origen» – eine Kulturinstitution desAlpenraums, die abseits des Spartendenkens Traditionen neu interpretiert und sich mit Landschaft sowie dem öffentlichen Raum auseinandersetzt – engagiert sich unter anderem im Dorf Mulegns in Graubünden. Ich habe mich für die Stiftung von den Gebäuden inspirieren lassen, von der einmaligen historischen Substanz, welche unter anderem von der dortigen Tradition der Zuckerbäcker geprägt ist. Im Posthotel Löwen wurde schon früher Couture getragen! Nach und nach entstand in Zusammenarbeit mit der Textildesignerin Annina Arter eine Kollektion von 20 Foulards und Einstecktüchern, deren Erlös wiederum kulturellen Projekten zugutekam. Und auch hier war das Erzählen von Geschichten ganz wichtig für den Erfolg des Projektes.

Es folgten weitere Anfragen. So wandte sich die Kunsthistorikerin Nina Keel, die ihre Masterarbeit über die Architektur der 1930er Jahre in St.Gallen schreibt und eine Ausstellung dazu plant, an mich: In den Innenräumen des Linsebühl-Baus, in welchem die Ausstellung stattfinden wird, hat die Künstlerin Siegrun Appelt, mit der ich 2018 die Ausstellung XULLUX in der Stiftsbibliothek St.Gallen realisiert habe, fotografiert. Die fragmentarischen Aufnahmen zeigen einzelne Baumaterialien, architektonische Details und Spuren von Bewohner*innen. Mit diesen Fotografien habe ich verschiedene Collagen geschaffen und diese auf Seide gedruckt. Und so können Masterarbeit und Ausstellung finanziert werden – und gleichzeitig wird schon im Vorfeld der Ausstellung «Die Moderne im Kleinen» die Geschichte eines der wichtigsten Gebäude dieser Zeit in St.Gallen erzählt.

Und dann war ich in Kontakt mit der Couturière Rosmarie Amacher in Zürich. Sie hatte die Möglichkeit, das ganze Archiv der Druckstöcke und Abschläge der Wiener Werkstatt zu kaufen. Ich habe dieses 100-jährige Werk aufgearbeitet und in die heutige Zeit hineininterpretiert. Die Eröffnung der Kollektion erfolgte noch kurz vor dem Shutdown durch die Coronakrise.

Was interessiert Sie an diesen Projekten mit den Schals?

Bei dieser Arbeit geht es nicht einfach um ein Textildesign, welches ich persönlich als «spannend» oder «schön» empfinde, sondern sie geht auf ein ganz spezifisches Bedürfnis und Objekt ein. Ich muss nicht michverwirklichen, sondern die Geschichten. Alle Menschen haben eine Geschichte zu erzählen, und wenn sie mit einem textilen Produkt verbunden ist, wird sie oft noch spannender – und wird beim Tragen nochmals anders weitererzählt.

Sie arbeiten schon länger mit dem Bündner Theaterfestival Origen zusammen. Wie sieht dort Ihr Engagement aus?

Für Origen mache ich seit 14 Jahren Textilien und entwerfe die Kostüme. Nach meinem Weggang von Jacob Schlaepfer entwickelte ich, nun auf mich selbst gestellt, weitere Stoffe. Was bei der Arbeit für Origen für mich besonders spannend ist: Ich kann jeweils nur einKostüm entwickeln, einenStoff, der nicht reproduzierbar sein muss. Ich darf basteln, nähen, sticken, malen. Das ist ein wichtiges Experimentierfeld, bei dem ich an keine Kommerzialisierung denken muss. Bei Schlaepferwaren wir teuer, weil wir industrielles Handwerk gemacht haben. Nach dem Erfolg auf dem Laufsteg folgte die wirkliche Kommerzialisierung. Dies bedeutete aber auch, dass andere oft die Ideen aufnahmen undbeispielsweise schneller, maschineller produzierten und damit auch günstiger. Was ich damit sagen will: Die verschiedenen Arbeitsweisen erfordern jeweils ein ganz anderes Denken.

Ich schätze es immer sehr, wenn ich neue Dinge durch das Experiment entdecken kann. All die Stoffe, welche im riesigen Hotel Löwen in Mulegns noch vorhanden sind, all die Vorhänge, die Bett- und Tischwäsche muss man heute nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck verwenden. Alle Textilien haben in ihrer Funktion eine Geschichte eingeschrieben. Doch für mich geht es nun darum, diese alten Stoffe neu zu gestalten und zu verarbeiten. Damit sie wieder von heute werden. Nicht nur auf der Basis des Materialrecyclings, sondern indem eine zeitgenössische Komponente hinzugebracht wird. Dann sind sie zumindest einmal wieder im Kreislauf. Letzten Sommer haben wir etwa die farbige Alufolie von Schokoladepapieren aus der alten Confiserie auf die Stoffe appliziert und damit sehr spezielle Effekte beim Tragen erreicht

Sie sind auch immer im Kontakt mit Hochschulen und interessiert an Experimenten …

Ja, genau. Mit der HSLU (Hochschule Luzern) und der HKB (Hochschule der Künste Bern) haben wir im Anschluss an die Experimente mit Silicon, die ich bereits bei Schlaepfergemacht habe, gemeinsam einen 3D-Drucker gebaut. Silicon selber ist eigentlich überhaupt nicht textil, aber die Modewelt reagiert sehr gut darauf. Hier will ich mit der Schule in Luzern und natürlich auch mit TaDA weitergehen, weil ich darin ein sehr grosses Potenzial sehe: ein neues Material und eine neue Maschine. Auch Schokolade oder Zucker könnten im 3D-Druckverfahren genutzt werden …

Apropos Zucker: Mit der Vision eines 3D-«Zuckerbäcker-Turms» sammelt auch die ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) zurzeit in Mulegns Erfahrungen für Architektur und Technik. Viele Textiler*innen und Künstler*innen wissen, was sie mit 3D-Druck oder auch andern Technologien anfangen würden – auch hier eine spannende Vernetzung, die ich als grosses Potenzial für TaDA sehe.

Letztlich suchen wir mit TaDA auch genau nach diesen ungewöhnlichen Verknüpfungen; Kunsthandwerk, Kunst, industrielle Produktion und andere Disziplinen können sich auf neue Art gegenseitig inspirieren. Deshalb war ich auch von Anfang an dabei, um die Idee der drei TaDa-Trägerkantone mit umzusetzen.

Was hat sich aus Ihrer Perspektive in den letzten Jahren in der textilen Produktion verändert?

Aus meiner Sicht ist die Zeit vorbei, in welcher man allein in der eigenen Stube etwas erfindet. Ich erlebe das auch persönlich: So kommen zum Beispiel Künstler*innen heute viel öfter auf Textilschaffende zu. Es gibt zwar immer noch viele Patente, die angemeldet werden, doch viel weniger als früher. Oft kann man nicht mehr feststellen, wo und von wem etwas erfunden wurde. Beispielsweise auch beim Laser oder 3D-Druck. Unzählige Universitäten und Forschende haben zu dieser Innovation beigetragen. Das heisst aber auch, dass man sich viel mehr öffnen und auch viel mehr Freiheit erlauben muss. Ich durfte diese Wirkung während meiner Zeit bei Schlaepferimmer wieder erleben: Sehr vieles, was zum Erfolg führte, kam von aussen, von «fremder» Seite ins Haus. Und eigentlich ist es einfach: Am Schluss «gewinnt»derjenige, der den Willen und den Mut hat, an einer Idee wirklich intensiv und viel zu arbeiten. Ich sehe diese Entwicklung auch bei der EMPA. Sie war früher, wie das eben auch üblich war, ein sehr verschlossener Betrieb. Es wurde geforscht und es entstanden Erfindungen, und die Prozesse waren geheim. Doch das funktioniert heute anders, die Geheimhaltung bringt heute viel mehr Nachteile, zum Beispiel ist es sehr viel schwieriger, dann einen Absatzmarkt zu finden. Da gibt es eine tolle Erfindung mit grossem Potenzial – und niemand interessiert sich dafür. Ich bin natürlich sehr glücklich, dass die Firmen bei TaDA dabei sind – das ist auch ein Zeichen, dass sie in einem Austausch einen Beitrag leisten wollen. So gibt es zum Beispiel bei Saureraus meiner Sicht ähnliche Themen: Sie bauen Maschinen für Handarbeit – doch wofür können diese auch noch genutzt werden? Ich bin überzeugt, dass bei TaDA alle voneinander profitieren können.

Weshalb braucht es ein Förderprogramm wie TaDA? Wäre dies nicht eher etwas für die Wirtschaftsförderung?

Ich glaube, ehrlich gesagt, dass das Kulturförderprogramm TaDA genau das ist, was die Wirtschaftsförderung braucht: Verschiedenste Berufe und Disziplinen müssensich begegnen können und sich gegenseitig Aufgaben stellen. Viele Maschinen können etwas Fantastisches, aber niemand will es anwenden. Das ist verpuffte Energie. Bei Saurerstelle ich eine grosse Aufmerksamkeit gegenüber der Veränderung von Textilien fest, beispielsweise für sogenannte Non-Woven (Vliese), textilähnliche Materialien für den Strassenbau oder textile Feuerschutzkleider. Non-Woven sind bereits ein wichtiger Ansatz für gegossene Textilien. Wir giessen heute Plastik, machen Papier – diese Materialien «textiler» zu machen, ist dabei die spannende Herausforderung.

Auch die Frage nach der Schneiderei ist sehr wichtig. Hier handelt es sich um ein sehr altes Handwerk mit uralten Methoden – welches auch heute nach sehr viel Manpower verlangt, selbst in der Massenproduktion. In den letzten 100 oder 200 Jahren sind keine Revolutionsschritte im Zuschneiden und Zusammennähen passiert. Das ist doch sehr interessant. Natürlich wird bereits elektronisch vernäht und Dinge werden verschmolzen. Das ist bereits ein Schritt in Richtung nahtlose Produktion, bei der sozusagen «Textilpulver» zu einem Kleidungsstück gegossen wird.

Ganz anders ist die Situation beim Stricken, damit können schon längst fertige Kleidungsteile produziert werden: Strümpfe, Handschuhe, Mützen. Da fällt die Handarbeit weg und es gibt mehr Innovation. So entwickelt eine Couturière aus Genf in Italien mit einem Stricker zusammen eine Methode, bei welcher ein ganzes Kleid aus der Strickmaschine kommt. Natürlich gibt es das schon – aber nicht so, wie sie es macht, mit Plissee und unterschiedlichen aufwändigen Mustern und Gewebeteilen. Sie hat dafür ein eigenes Computerprogramm geschrieben. Das würde beispielsweise für eine Firma wie Saurer bedeuten, dass man nun anders konfektioniert; es wäre ein ganz neuer Werkprozess, bei welchem man bereits mit der Herstellung der Maschine viel näher beim Endprodukt wäre. Und hier würde es sehr nahe liegen, mit Recycling zu arbeiten.

Welche Auswirkung haben die Veränderungen der Textilien selber?

Textilien waren sehr wertvoll, bevor Zellulose zur Verfügung stand: Aus alten Kleidern stellte man beispielsweise Papier her. Der Abfallstoff hatte früher also einen hohen Wert. Dieser ist verloren gegangen, weil der Prozess heute zu aufwändig erscheint; die Alternative mit Holz ist bedeutend einfacher. Dass heute viele Stoffe Mischgewebe sind sowie synthetische und natürliche Anteile verbinden, ist eine Herausforderung. Was macht man aus diesem Durcheinander in den riesigen Textilbergen? Wie kann man sie verbrennen oder zermahlen? Die Schuhindustrie ist hier bereits ein Stück weiter. Sie war schon früh damit konfrontiert, dass sehr viele Schuhe nicht getragen werden. (Auf sechs produzierte Paare kommt nur eines, welches wirklich verkauft und genutzt wird.) Das liegt an den nicht planbaren Bedürfnissen der Grössen; deshalb sind Schuhe auch heute noch relativ teuer. Die Schuhindustrie hat grosse Schredderanlagen gebaut, und aus den ungenutzten Schuhen entstehen unter anderem Kunststoffplatten, Mosaikplatten, korkähnliche Platten, wie wir sie beispielsweise als Raumtrenner in den Warenhäusern kennen. Dort haben Plastik und Leder in ihrer Verbindung eine präzise Funktion.

Ein weiteres Thema, welches bei TaDA sicher wichtig wird: Es geht nicht nur um gebasteltes Recyclinggut, welches inspirativ und qualitätsvoll ist. Es geht darum, in grösseren Dimensionen zu denken. Vielleicht findet man gerade in Coronazeiten doch einen anderen Umgang mit Textilien und beginnt auch den textilen Abfall, den wir produzieren, mitzudenken. Was wäre, wenn wir alle nur zwei oder drei T-Shirts besässen? Was würde dies für den Markt und für die Produktion bedeuten? Was für ein Design, was für ein Material müssten wir dafür wählen?

Die Textilindustrie ist immer wieder gefordert und hat sich auch strukturell verändert – was früher wertvoll war, ist nun oft Massenware: Wie stehen Sie dazu?

In St.Gallen hat sich die Textilindustrie in den letzten 50 Jahren einmal mehr verändert. Es ging dabei viel Wissen verloren. Einige Firmen sind verschwunden, andere, beispielsweise Schoeller, haben sich Richtung Hightech entwickelt. Wiederum andere sind überzeugt, dass man riesige Mengen produzieren muss, um zu überleben. Das führte zur Auslagerung der Produktion nach China, Bosnien, Bulgarien – wohin auch immer. Ich stehe den Veränderungen nicht wehmütig gegenüber, auch wenn ich altes Wissen für die Zukunft als sehr wertvoll betrachte. Ich frage mich stattdessen, kann man Luxusgut in riesigen Mengen verkaufen? Nehmen wir die 3D-Druckerei, das ist keine einfache Verarbeitung. Es ist letztlich Kunsthandwerk in der Schneiderei – und Massenproduktion wird so schon fast ausgeschlossen. Das ist ein Luxus, das Objekt ist durch seine Herstellung rar. F 800 Jahren Textilschaffen hat St.Gallen immer nur Luxus gemacht. Sie haben mit feinster Baumwolle gearbeitet, mit wertvollen Leinenstoffen, die sich nur noble Leute leisten konnten. Bei der Stickerei war es noch offensichtlicher. Doch unterdessen haben Produzenten in der ganzen Welt gelernt, wie man superschnell sticken kann. Das ist wahrscheinlich einfach so: Wenn einmal etwas da und bekannt ist, findet sich immer jemand, der effizienter oder rascher ist. Ein kleiner Ort wie beispielsweise St.Gallen kann hier global gesehen nie mehr mithalten. Oft werden dann auch die sozialen Aspekte der Arbeit vernachlässigt – was ebenfalls keine wünschenswerte Entwicklung ist.

Wo liegt denn heute das Potenzial einer Produktion in der Schweiz?

Wir müssen hier vor Ort etwas produzieren und entwickeln, das neu ist und in die Zukunft führt. Ein Massendenken ist in einem kleinen Land irgendwie falsch. Und gerade in der Schweiz haben wir ja einen unglaublichen Ausbildungsstand: Ingenieur*innen, Textiler*innen, Architekt*innen, Designer*innen und Künstler*innen haben ein grosses Knowhow. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen wollen, wie wir dieses Potenzial wirklich nutzen und womit wir überleben können. Um den Bogen zu schlagen: Das T-Shirt, von dem man nur eines braucht und damit völlig zufrieden ist, ist noch nicht erfunden. Aber wenn es dieses geben würde, auch wenn es beispielsweise 2'500 CHF kostete, wäre der Markt zwar klein, aber gross genug. Wir könnten 10'000 Stück verkaufen – und müssten nicht nach der Million Abnehmer*innen suchen.

Was ist Ihr Beweggrund, bei TaDA mitzumachen?

Von denen wir gesprochen haben, etwas beitragen. Ich will weitergeben, was ich gelernt habe. Viele interessiert das vielleicht nicht mehr, weil man es in Zukunft andersmachen wird. Die Gefahr dabei ist natürlich der Nostalgiemodus, dem man nicht verfallen darf. Doch wenn Menschen sich für die Vergangenheit interessieren und diese in die Zukunft denken, dann wird es spannend. Es ist interessant zu wissen, was schon gemacht wurde, oder wirklich zu erkennen, was man selber gemacht hat. Sich beispielsweise zu fragen: "Was verstehe ich eigentlich unter Stickerei?" Dann wird etwas Neues entstehen. Ein solches Erlebnis hatte ich mit der Designerin mit den Strickkleidern, von der ich eben erzählt habe: "Wow, das gibt einen Kick!" Ich erlebe dies ähnlich bei Martin Schlegel in seiner Textildruckerei in Arbon. Er arbeitet einerseits so archaisch wie vor 100 Jahren. Doch mit seinem Drive bringt er andererseits die Gegenwart rein. Auch ganz einfach durch den Umstand, dass er die Technik des Handsiebdrucks überhaupt noch anwendet. Heute gibt es keine Aufträge mehr, 1000 Kilometer zu drucken – wofür diese Technik geschaffen wurde. Sondern er druckt Sachen, die sonst nicht möglich wären. Alte Werkzeuge mit alten Methoden finden sozusagen neue Wege. Wir hatten hier zum Beispiel eine Aufgabe, bei der für Chanel Pailletten bedruckt werden mussten. Das ist eine Herausforderung. Und das zeigt wieder: Die Innovation kommt genauso mit der Aufgabe, mit einem Anspruch von aussen. Auch TaDA stelle ich mir ein Stück weit so vor. Da kommen vielleicht hohe Anforderungen von Seiten der Residents oder der Partnerfirmen – und genau so passiert Entwicklung. Das motiviert mich sehr, auch mit unterschiedlichen Generationen und Berufen zu arbeiten. Wenn Künstler*innen mit Handwerker*innen und Kunsthandwerker*innen zusammenarbeiten, beginnt die Entdeckung – weil alle ja per se etwas ganz anderes verfolgen.

Gibt es aus Ihrer Sicht bestehende Initiativen, die in diese Richtung gehen?

Das Sitterwerk in St.Gallen ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie sich verschiedene Ziele und Haltungen befruchten können. Die Giesserei stellt Produkte her und verdient Geld – und so kann das Sitterwerk überleben. Hier wurde sehr schnell erkannt, was die Mischung aus Wissen, Inspiration und Vergangenheit bewirken kann. Die Initiatoren begannen auch sofort, ein Publikations- und Materialarchiv aufzubauen, welches wie von selbst zu einer eigenen Aufgabe wurde. Die Stiftung Sitterwerkträgt unterdessen sehr viel zur täglichen Arbeit in der Giesserei bei. Sie hat sich aber auch für alle Interessierten geöffnet, und das hat viel mit Zukunft zu tun. Um es noch zu verdeutlichen: In St.Gallen stellt die Giesserei kleine Produktionen her, die beispielsweise in China nicht möglich sind – das ist wieder eine Art Luxusdenken, wie ich es schon vorher erwähnt habe. In China dagegen erlaubt die Arbeitsweise, der Manpower und der Hafen bei Shanghai wiederum eine ganz bestimmte Art der Produktion, welche in der Schweiz ausgeschlossen ist. Das ist eine sehr wichtige Entscheidung: Wir wandern nicht nach China aus, weil es hier zu teuer ist, sondern wir betrachten die Möglichkeiten der verschiedenen Orte und nutzen diese präzise. Oft führte die Abwanderung zu einer Vernachlässigung der lokalen Produktion und damit auch zur Vernachlässigung der Innovation. Ich bin jedoch überzeugt, dass Kreation und Entwicklung dort sein müssen, wo produziert wird. Jede Maschine braucht einen Menschen, der die Maschine versteht. Für ein gutes Produkt braucht es Liebe, Erfahrung und Wissen, und dies ist nicht so einfach zu finden oder zu organisieren, wie viele Manager*innen denken. Es geht auch um die pragmatische Frage: Wie will man sich denn eine Produktion vorstellen, wenn man keine Maschine hat? Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wenn die ganze Produktion in China wäre, würde ich lieber dorthin gehen und dort erfinderisch werden, Maschinen überlisten und Mitarbeitende begeistern. Das ist das Wichtigste. Manchmal muss man nur eine Nadel grösser oder kleiner machen – und es entsteht Neues. Auf dem Reisbrett allein, ohne Praxis, ist das sehr schwierig.

TaDA ist für mich in diesem Sinne ein präziser Freiraum, der unterschiedlichste Fähigkeiten zusammenbringt. Ein Künstler, eine Künstlerin etwa muss immer bei seinen oder ihren Werten und Gedanken bleiben. Das ist eine Art von harter Arbeit – und genau diese Konzentration könnte eine Chance sein für TaDA, weil jemand bei einer Vision dranbleiben will und kann.

Was wäre für Sie der schönste Erfolg von TaDA?

Ich glaube, die schönsten Erfolge wären, wenn man den Menschen in der Politik, bei den Kantonen, Partnern und den Residents die unglaublichen Möglichkeiten der Kreation und Produktion näherbringen könnte.

Es war ja ein Traum, dass mit Maschinen sehr viele Menschen mit Stickerei beglückt werden können. Das Modell, eine konsumorientierte Gesellschaft zu entwickeln, war auch einmal ein Traum. Doch nun ist es Zeit für einen neuen Traum. Dafür helfen die Optimierung von Gewinn und rein wirtschaftliche Interessen nicht. Wenn alles konsumgesteuert ist, stehen der Preis und nicht die Qualität und Innovation im Vordergrund.

Das wäre der schönste Erfolg in den nächsten zwei, drei Jahren, wenn dies wahrgenommen und anerkannt würde. Vielleicht brauchen wir dann TaDA nicht mehr!

Ich für mich vergleiche TaDA auch mit Schlaepfer. Die Firma war immer ein «Labor» und beschäftigte im Atelier 10 bis 15 Personen, während viele Unternehmungen ein oder zwei Personen fest in der Kreation aufnahmen und sonst mit Freelancern arbeiteten? Das sind unterschiedliche Arbeitsweisen und ich persönlich finde die Verbindung von Idee und Produktion sehr wichtig. Hier komme ich zu den Künstlerinnen und Künstlern zurück. Sie müssen immer andere begeistern und diese anhalten, etwas genauso zu machen – ohne dass der «Nutzen» schon offensichtlich ist. Es müssen schliesslich Menschen gefunden werden, die diese Idee auch finanzieren wollen. Und das kann nur der einzelne erreichen, indem er dranbleibt. Und wenn diese Lust bei niemandem da ist, passiert nichts.

Bei TaDA waren für mich bereits die Besuche bei den Partnerfirmen spannend: Es war toll zu sehen, wie die Firma Rigotex im Toggenburg Chuchitüechli (Geschirrtücher) denkt – und dass man diese noch anders denken kann. Schon dies allein wird etwas bewirken. Die Auswahl der Residents ist zudem superspannend. Allein der Austausch mit diesen sieben Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Disziplinen wird bereichernd sein. Mit Sicherheit werden vorerst vor allem unsichtbare Resultate entstehen. Ich bin aber überzeugt, dass auch konkrete Produkte das Licht der Welt erblicken werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Marianne Burki